Ein anstrengender Monat September mit einer Strecke von unglaublichen 7‘050 Kilometern liegt hinter uns. Umso mehr freuen wir uns in etwa 1‘200 Kilometer endlich unser Ziel im Staat Oaxaca zu erreichen. Aber bis dahin stellen sich uns noch einige Hürden in den Weg.
Die erste Hürde erleben wir an einer Pemex-Tankstelle. Noch nie wurden wir in Mexiko so freundlich und beschwingt an einer Tankstelle empfangen. Der Tankwart leitet uns souverän an die Diesel-Zapfsäule, ein anderer Mitarbeiter putzt sofort die Frontscheibe, ein weiterer bietet an uns den Müll abzunehmen und wir sollen unbedingt hier unsere Notdurft entrichten, denn so saubere Klos wie hier würden wir so schnell nicht mehr finden. Irgendwie macht uns das überfreundliche Getue der Tankstellen-Angestellten stutzig... Zwischenzeitlich ist der Tank voll und nun geht‘s an die Bezahlung. Der Tankwart verlangt 2‘965 Peso. Jan rechnet kurz und schaut den Pemex-Mann fragend an. Wieviel? Der Mexikaner wiederholt: 2’965 Peso. Und tatsächlich, die Zapfsäule zeigt genau diesen Betrag an, von einer Mengen-Angabe fehlt jedoch plötzlich jede Spur. Wieviel Liter haben wir denn getankt? Die Antwort: 120 Liter! 120 Liter? So viel passt doch gar nicht in unseren Tank! Während wir realisieren daß wir mächtig übers Ohr gehauen werden sollen, wechselt der Tankwart unbemerkt die Anzeige auf der Zapfsäule. Auf einmal steht da nicht mehr 2‘965 sondern nur noch 2‘126 Peso, was einer Menge von 86 Liter entspricht. Hä…? Wieder haben wir Fragezeichen im Gesicht. Die Erklärung: der Strom ist ausgefallen und deshalb hat die Anzeige gesponnen und einen falschen Betrag angezeigt. Wir warnen, hier wird gleich jemand anders angezeigt. Der Tankwart (mittlerweile von seinen fleißigen Kollegen allein gelassen) wird plötzlich klein und meint freundlich, nein jetzt sei alles gut, der Betrag ist jetzt der richtige, ganz bestimmt! Wir strafen den Mann mit unseren bösesten Blicken, belassen es aber dabei, bezahlen die 86 Liter Diesel und fahren schließlich weiter.
Die zweite Hürde ist ein übergroßer Schutthaufen. Nach unserer Übernachtung in „San José Palma Gorda“ suchen wir den kürzesten Weg zurück zur Hauptstraße. Der kürzeste ist aber nicht immer der beste Weg. So auch in diesem Fall. Die Querverbindung führt uns über Felder und Äcker und entspricht eher einem sumpfigen Trampelpfad, als einem echten Feldweg. Wir durchfahren unzählige Schlammlöcher und es scheint, der Weg führt direkt durch eine Müllhalde. Anstatt schnell zur Hauptstraße zu gelangen, raubt uns diese Matschpiste viel Zeit und vor allem den letzten Nerv. Zu guter Letzt, um genau zu sein 10 Meter vor unserem Ziel, bringt uns ein meterhoher Schutthaufen zum Stehen. Irgendjemand muß hier mitten auf dem Weg seine LKW-Ladung abgeladen haben und hat somit eine Passage unmöglich gemacht. Wir überlegen kurz: Jetzt den kompletten furchtbaren Weg wieder zurück fahren? Nein, das kommt für uns nicht in Frage und das bedeutet Spaten und Schaufel auspacken und schippen, schippen, schippen. Nach einer halben Stunde haben wir es tatsächlich geschafft und der Sprinter paßt zwischen dem Schutthaufen und dem Laternenpfosten durch. Wiedermal zeigt sich: „Nichts kann uns stoppen!“ und Frühsport soll ja bekanntlich gesund sein ;-)
Link zum Video: https://youtu.be/geHMzW7HsOI
Der dritte Punkt über den wir berichten wollen ist weniger eine Hürde, sondern vielmehr eine Sehenswürdigkeit. Das Pueblo Mágico „Mineral de Pozos“ liegt nämlich direkt auf unserer Strecke und da wäre es schade, wenn wir einfach daran vorbei fahren würden. Unsere Ankunft in dem Dorf fühlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit. Mineral de Pozos war einst eine wohlhabende Silberstadt, nach dem Niedergang des Bergbaus eine Geisterstadt und heute ein charmantes Pueblo Mágico, in dem alte Minenruinen und Schmelzöfen von vergangenem Glanz erzählen. Wir schnüren die Wanderschuhe und entdecken auf idyllischen Pfaden die wunderschöne Umgebung. Zwischen Kakteen und Ruinen haben wir das Gefühl in eine andere Zeit einzutauchen. Wir übernachten in diesem besonderen Ort und starten den nächsten Tag mit einem Frühstück direkt bei den Hornos de Mina de Santa Brígida. Die Lage der imposanten Schmelzöfen aus dem 16. Jahrhundert inmitten der Ruinen von alten Minen machen den Ort einzigartig. Mit einem Kaffee in der Hand und dem Blick auf diese Zeugnisse der Geschichte, kann der Tag nicht besser starten.
Am Freitag, den 4. Oktober erreichen wir unser Ziel: Den „Campground OaxacaView“ in Santa Catalina de Sena. Unsere Gastgeber Sabine & Stefan erwarten uns bereits mit offenen Armen. Die Wiedersehensfreude ist groß, haben wir uns doch schon so lange nicht mehr gesehen. Sabine hat auf ihrem Campingplatz nicht nur gemütliche Stellplätze mit grandioser Aussicht über die Stadt Oaxaca (nachts besonders schön mit Blick über das Lichtermeer), Sabine bietet auch zwei Ferienwohnungen an, die direkt bei ihr oder über AirBnB buchbar sind. Für uns hat sie das größere Apartment reserviert, denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen an dem wir aus unserem treuen Indi endgültig ausziehen. Wir werden sentimental, mehr als 11 Jahre begleitet uns der Sprinter schon durchs Reiseleben und knapp 8 Jahre davon war er zu 100% unser rollendes Zuhause. Wie sagt man so schön, „erst wenn man das Alte hinter sich lässt, kann das Neue seinen Platz finden".
Während der ersten Tage auf dem Campground räumen wir das Fahrzeug komplett aus. Es gibt drei Haufen: einen für den Müll, einen für die Sachen die im Indi bleiben und einen Haufen für die Sachen, die wir in jedem Fall mit nach Europa zurücknehmen um sie im neuen Reisemobil weiterzuverwenden. Und ich sage Dir, alle drei Haufen wachsen und wachsen und wachsen. Würden wir es nicht selbst mit eigenen Augen sehen, würden wir nicht glauben wieviel Zeug in einen Kastenwagen reinpasst.
Wir organisieren in Oaxaca einen Termin bei einem erstklassigen Spengler, der unseren Indi wieder auf Hochglanz bringt. Er entfernt unser Logo, lackiert und poliert den Sprinter aufs Genaueste. Von aussen sieht er jetzt aus wie neu. Ausserdem lassen wir den nötigen Ölwechsel machen, damit der neue Besitzer damit nicht gleich konfrontiert wird. Jetzt sind wir dran mit putzen, saugen, schrubben, wischen, polieren, usw. Tagelang sieht man uns nur noch am Indi arbeiten. Das Endergebnis kann sich definitiv sehen lassen, der Indi strahlt und glänzt. So sauber war das CS-Reisemobil wohl nur am allerersten Tag.
So ganz nebenbei versuchen wir den Sprinter zu verkaufen. Wir kommunizieren mit etlichen Interessenten und machen per Video-Call ein paar virtuelle Führungen durch unseren Indi. Ab Mitte Oktober ist uns aber klar, so kurzfristig kann sich keiner der potentiellen Käufer entscheiden und so entschließen wir uns letztendlich für eine allerletzte Verschiffung unseres Indis nach Europa. Das heißt nun für uns nicht nur Flüge buchen und die Ankunft in Deutschland organisieren, sondern uns auch um die Verschiffung des Sprinters zu kümmern und ihn kurz vor unserer Abreise noch nach Veracruz zu bringen. Ganz nebenbei benötigen wir zudem die Gesundheits-Zertifikate für den Hund und eine passende Hunde-Box, die für den internationalen Flug zugelassen ist.
Wir haben uns zwar vier Wochen Zeit genommen, aber die Zeit rennt und die Arbeit geht uns irgendwie nicht aus.
Sabine und Stefan sind nicht nur liebe Freunde, sondern auch tolle Gastgeber. Sie kümmern sich stets um die Anliegen ihrer Gäste und helfen bei jedweden Fragen und Problemchen. Wir sitzen mehrmals gemütlich zusammen und laden uns gegenseitig zum Essen ein.
Da der „Campground Oaxaca View“ ein Overlander-Hotspot ist, lernen wir hier nicht nur viele neue Reisende kennen, sondern treffen auch alte bekannte, die gerade auf der Durchreise sind.
Für unseren Hund Banda ist die Umgebung ein Paradies. Wir laufen täglich mehrere Stunden durch das dichte Gestrüpp, in dem man sich teilweise vorkommt wie im Dschungel. Apropos Dschungel, wir waren ja total überrascht wie grün Mexiko überhaupt sein kann. Wir sind jetzt Anfang Oktober zum fünften Mal nach Mexiko eingereist, aber tatsächlich zum allerersten Mal sehen wir dieses Land nicht braun und staubtrocken, sondern saftig grün, mit rauschenden Bächen und Flüssen und erleben viel, viel Regen.
Bei unseren Spaziergängen durchs Dickicht stossen wir immer wieder auf allerhand Ungeziefer: Spinnen, Skorpione, Schlangen, Heuschrecken, Engerlinge und unzählige Vögel wie z.B. Kolibris und Chachalacas. Leider bringt das feuchte Wetter auch unbeliebte Viecher wie blutrünstige Moskitos und fiese Black Flies. Zum Glück gibt es Autan, AntiBrumm, Off! und Co., dies wird während unseres Aufenthalts in Oaxaca unser Lebenselixier.
Wie bereits im letzten Jahr, erleben wir auch dieses Jahr den „Día de Muertos“ wieder in Oaxaca. Diesen nationalen Festtag live und vor Ort miterleben zu können ist für uns ein Privileg und ein „Muß“ für jeden Mexiko-Liebhaber. Während am 1. November bei uns in Europa alle Gläubigen traurig auf den Friedhöfen rumstehen, wird hier in Mexiko der Tag der Toten ausschweifend gefeiert. Zu Ehren der Verstorbenen werden bunte Altare aufgestellt, laute Paraden durchgeführt und die Angehörigen gehen auf die Friedhöfe um die Toten zu besuchen und mit ihnen zu feiern. Ein wunderschönes Fest über das es noch so viel mehr zu erzählen gäbe, aber jetzt definitiv den Rahmen dieses Reiseberichts sprengen würde.
Wenn Du dich näher für den „día de muertos“ interessierst, dann frag Google, Wikipedia oder ChatGPT, die haben ganz viele Infos zu diesem interessanten Familienfest. Du kannst aber auch einfach unseren Reisebericht vom letzten Jahr lesen: https://majanta.net/unsere-reise-geht-weiter.html
Es ist Sonntag, der 3. November. Wir sitzen im Leihwagen von Hertz und verlassen Oaxaca. Der Indi steht bereits im Hafen von Veracruz und wartet für die Verschiffung auf den Vehicles Carrier „Sirius Highway“. Mit gemischten Gefühlen sitzen wir im Auto, fahren in Richtung Mexico City und lassen die letzten Wochen Revue passieren. Innerhalb weniger Tage hat sich unsere Reiseplanung völlig auf den Kopf gestellt. Wir wollten diesen Winter in Mexiko verbringen und im nächsten Sommer nochmal in den Yukon und nach Alaska fahren. Danach vielleicht erneut einen Winter auf der Baja California eh wir frühestens im Frühling 2026 wieder nach Europa gekommen wären. Tja… der spontane Kauf des Mercedes Vario im September hat unsere Planung total über den Haufen geworfen. Aber letztendlich war es unsere Entscheidung und jetzt freuen wir uns auf die Zukunft. Wir freuen uns unsere Familien und Freunde wieder zu sehen. Wir freuen uns auf weiße Weihnachten und auf die Zeit in Europa. Wir freuen uns auf unser neues Reisemobil, das (nebenbei bemerkt) noch einen neuen Namen braucht. Wir werden neue Reisepläne schmieden. Die Welt steht uns offen. Irgendwann im Jahr 2025 werden wir mit unserem neuen Reisemobil wieder auf Reise gehen und neue Abenteuer erleben. Wo? Das werden wir sehen…
Mit unserem Sprinter „Indi“ waren wir nun rund 7 1/2 Jahre auf dem amerikanischen Kontinent unterwegs. Wir haben Höhen und Tiefen erlebt, gelacht und geweint, Freunde gewonnen und verloren, viel fröhliches, aber auch einiges traurige erlebt. Mit diesem Reisebericht beschließen wir ein Kapitel unserer Reise-Geschichte, aber wir freuen uns auch schon auf neue Erlebnisse und spannende Abenteuer, auf interessante Begegnungen und die ein oder andere Herausforderung auf einem neuen Kontinent.
Wir möchten die Gelegenheit nutzen und nochmal darauf hinweisen, hätten wir unsere Familien und Freunde nicht, wäre ein Reiseleben in dieser Form für uns nicht möglich. Sowohl unsere Eltern und Geschwister, als auch unsere Schwager:innen, Neffen, Nichten und Cousinen unterstützen uns wo sie können bei unserem außergewöhnlichen Lebensstil. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar.
31.10.2024 - Marita Bottner / Jan Hiddink
Aufenthalt in Europa, unseren treuen Sprinter Indi verkaufen, das neue Reisemobil in Betrieb nehmen und technisch auf den neuesten Stand bringen. Weiterreise im nächsten Jahr auf einem neuen Kontinent.
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